Letzte Worte zur Rinder-Mall St. Pauli

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Übermorgen, am 18.9., passiert das, was viele St. Paulianer*innen so nicht gewollt hatten: Die Alte Rindermarkthalle öffnet wieder als langweiliges Einkaufszentrum unter der Regie von Edeka Nord.

Es wird trendy, teuer, langweilig – mehr fällt uns dazu nicht ein.

Statt einer Vielfalt von Nutzungen, wie sie den Wünschen der Anwohner*innen entsprochen hätte, gibt es in der riesigen Halle mit einer Gesamtnutzfläche von rund 16.000 qm ab Donnerstag es eine „Vielfalt“ an Lebensmitteln. Die St. Paulianer*innen können sich künftig zwischen 100 Käsesorten, 20 bis 30 Olivenölen usw. entscheiden.

Peter Saur, bei Edeka Nord für die Rindermarkthalle zuständig, gibt sich in einer Pressemitteilung „überzeugt, dass die Rindermarkthalle ab dem 18. September zum neuen lebendigen Zentrum von St. Pauli werden wird.“ Der Ort sei „bundesweit einzigartig“.
Damit ist sie nach der Ansiedlung des ersten Innenstadt-IKEAs der zweite Ort in Hamburg, der „bundesweit einzigartig“ ist. Man fragt sich, womit St. Pauli und Altona so etwas verdient haben. Beide Stadtteile hätten auf diese Einzigartigkeit gut verzichten können.

Allein das E-Center im neuen Fresstempel Rindermarkthalle soll jährlich 30 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. Eine Marktanalyse von BBE kam auf maximal 20 Millionen Euro. Herwig Holst, einer der beiden Betreiber des neuen E-Centers in der Halle, hatte noch Ende 2012 Zweifel daran. Sollte sich der Umsatz eher bei den 20 als bei den 30 Millionen Euro bewegen, würde das E-Center nach vier Jahren ein Minus von zwei Millionen Euro haben, rechnete Holst damals vor.

edeka_gross_teuer_5x5_150dpiEr macht nach eigener Aussage in der Rindermarkthalle in erster Linie mit, um den erwarteten Umsatzrückgang seines Edeka-Marktes in der Paul-Roosen-Straße von 25 Prozent jährlich aufzufangen. Der Aldi in der Paul-Roosen-Straße hat bereits die Segel gestrichen mit der Begründung, man finde ihn künftig in der Rindermarkthalle. Für die Bewohner*innen zwischen Holstenstraße und Bernstorffstraße fällt also eine Nahversorgung weg, weil eine andere „Nahversorgung“ eröffnet.

Das sollte allen ein Alarmsignal sein, dass ein Verdrängungsprozess bevorsteht. Denn selbst wenn die Rindermarkthalle nicht nur mäßig läuft, wird sie den verbliebenen kleinen Einzelhändlern – Obstläden, Bioläden, sonstige Lebensmittel – zunächst einmal ordentlich Konkurrenz machen. Es ist durchaus möglich, dass Edeka nach vier Jahren das Handtuch wirft, in der Zwischenzeit aber einige der Einzelhändler ebenfalls schließen mussten.

Natürlich würde sich die neue Rindermarkthalle nicht rechnen, wenn sie nur als Nahversorger dienen sollte. Von Anfang an eingeplant war, dass von den 8000 Kunden täglich, die für den großen Umsatz nötig sind, etliche von weiter weg mit dem Auto vorfahren. Diese Kalkulation hatte wiederum Folgen: Denn um die ca. 300 Parkplätze bereitstellen zu können, die dieses Konzept braucht, war plötzlich kein Platz für einen Stadtteilgarten mehr. Das musste Torsten Hönisch, Mitarbeiter der Projektplaner Maßmann & Co, Anfang des Jahres im Ausschuss für Wohnen und Stadtentwicklung des Bezirks Mitte einräumen. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass den Planern dieses Problem nicht schon vorher klar gewesen wäre. Dennoch behaupteten sie bis kurz vor der Ausschusssitzung, unbedingt ein Gartenprojekt realisieren zu wollen.

Viel Grün ist denn auch nicht mehr übrig geblieben: Wer in den letzten Tagen den Vorplatz vor der Halle gesehen hat, erblickte eine weite Asphaltfläche, an deren Rande es einige Pflanzenverzierungen geben wird.

Seid doch nicht immer so negativ, wird der eine oder die andere jetzt vielleicht denken. Stimmt, seien wir mal positiv: die Music Hall, die niemand im Stadtteil wollte angesichts von noch mehr Eventisierung, ist nicht gekommen. Und es gibt im Obergeschoss 800 qm „soziokulturelle Nutzungen“, die ohne das Insistieren der Wunschproduktion, von die leute:real und der Keimzelle womöglich gar nicht gekommen wären.

Das war’s dann aber auch schon. Viele andere Ideen der Anwohner*innen – neben dem Stadtteilgarten Indoor-Spielplatz, Ateliers, Proberäume, Werkstätten und nicht-kommerzielle, frei-gestaltbare Räume fürs Viertel – sind nicht einmal erwogen worden.

Denn es gab keine Anwohner-Beteiligung. Die Projektplaner von Maßmann & Co haben eine Beteiligung mit Vertreter*innen von Parteien und Einrichtungen (neudeutsch: Stakeholder-Beteiligung) im Auftrag von Edeka Nord durchgeführt. In der ging es ausschließlich um die 800 qm der soziokulturellen Nutzungen. Die „Stakeholder“ durften also gewissermaßen in einem Malbuch einen Ärmel ausmalen.

Echte Anwohner-Beteiligung würde bedeuten, dass die Anwohner*innen überhaupt erst einmal überlegen, was ausgemalt werden müsste – so wie es jetzt die PlanBude für das Esso-Häuser-Areal machen wird. Das ist immerhin ein Fortschritt.

Mit dem notorisch hemdsärmeligen Ex-Bezirksamtsleiter Markus Schreiber war das 2011 noch nicht möglich. Der hatte den Deal mit Edeka Nord zusammen mit der Sprinkenhof AG ausgetüftelt – ohne jede Anwohner-Beteiligung. Die Sprinkenhof AG verwaltet für die Finanzbehörde städtische Grundstücke. Sie operiert dabei wie ein ganz normaler Investor: Anwohner*innen stören nur.

Last but not least: Für das Karoviertel ist gut, dass es wieder einen Vollsortimenter in der Nähe hat. Und für die Mieter*innen der soziokulturellen Flächen ist es gut, im völlig überteuerten St. Pauli endlich einmal erschwingliche Gewerbeflächen gefunden zu haben.

Alles in allem lautet unser Fazit: Der Bezirk hat 2011 eine gute Gelegenheit verschenkt, Anwohner*innen ein städtisches Areal entwicklen zu lassen, und das jetzige Konzept ist nicht zukunftsgewandt.

Sollte Edeka Nord mit dem Konzept scheitern, werden wir die Wunschproduktion wieder aufnehmen. Bis dahin bleiben wir kritische Beobachter*innen der Rinder-Mall St. Pauli.

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Ein Kommentar zu Letzte Worte zur Rinder-Mall St. Pauli

  1. Linda sagt:

    Als Anwohner des Karoviertels freue ich mich wie sonst was. Nach Jahren endlich wieder kostengünstig einkaufen können ohne eine Weltreise unternehmen zu müssen ist großartig. Der Nahkauf ist gnadenlos überteuert und hat nicht gerade ein gutes Sortiment, abgesehen davon das er ständig überfüllt ist.

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