Chronik

Die Planungen zur 
Alten Rindermarkthalle seit 2009

April 2009

Der Bezirk Mitte beschließt im Hauptausschuss einen städtebaulichen Ideenwettbewerb zum 34.000 Quadratmeter großen Areal der Alten Rindermarkthalle. Der Ende 2011 auslaufende Mietvertrag des Real-Marktes soll nicht verlängert, die Halle möglicherweise abgerissen werden. Kernstück des neuen Areals soll eine „St. Pauli Music Hall“ werden – eine Idee aus der Hamburger Musikwirtschaft. Im Hamburger Abendblatt vom 16.4.2009 betonen Bezirkspolitiker aller Parteien, das neue Konzept müsse zu den umliegenden Vierteln passen.

8. März 2010

Das Hamburger Abendblatt berichtet, dass der Bezirk Mitte eine Machbarkeitsstudie gestartet hat. Daran beteiligten sich sechs Architekturbüros. In der Auslobung zur Studie werden für verschiedene Nutzungen konkrete Flächenvorgaben gemacht: So sollen auf dem Areal ein Discounter und ein Supermarkt auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern mit eingeplant werden; die Music Hall soll 5.000 Quadratmeter groß werden.

Die Anwohner_innen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht informiert worden.

13. April 2010

Der Bezirk Mitte eröffnet mit einer Auftaktveranstaltung im Wirtschaftsgymnasium St. Pauli ein Bürgerbeteili-gungsverfahren, das die Machbarkeitsstudie begleiten soll. Bezirksamtsleiter Markus Schreiber behauptet, das Verfahren sei „völlig ergebnissoffen“ angelegt, obwohl in der Auslobung sämtliche Bausteine schon detailliert vorgegeben sind. Dagegen protestieren Anwohner_innen und starten in der Aula eine spontane Wunschproduktion für die Alte Rindermarkthalle, woraufhin Schreiber die Veranstaltung wütend abbricht.

22. Mai 2010

Der Real-Markt schließt.

20. Juni 2010

Die Anwohnerinitiative die leute:real fordert auf dem „1. Rindermarktfest“ einen sofortigen Planungsstopp für das gesamte Areal und eine Planung durch die Anwohner_innen. In der Folge gibt es samstags immer wieder kleinere Protestaktionen auf dem Vorplatz der Halle.

Mai/Juni 2010

Das Fachamt für Stadtteil- und Landschaftsplanung veranstaltet zwei Beteiligungsworkshops. Anwohner_innen dürfen nur nach vorheriger schriftlicher Anmeldung und Personalausweiskontrolle teilnehmen.

Juli 2010

Der Entwurf der Architekten Störmer Murphy and Partners, der eine Music Hall in die Rindermarkthalle integriert, wird mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Das Abendblatt schätzt die Investitionssumme für das Konzept auf 100 Millionen Euro.

Oktober 2010

Anwohner_innen beschließen, die spontane Wunschproduktion vom April nach dem Vorbild von Park Fiction weiterzuführen. Die Wunschproduktion wird Teil des Netzwerks Recht auf Stadt.

24. November 2010

Die Wunschproduktion Alte Rindermarkthalle startet eine selbstorganisierte Umfrage in St. Pauli Nord, Schanzen- und Karoviertel. Innerhalb von 10 Tagen werden ca. 18.000 Fragebögen in den Briefkästen der Bewohner_innen verteilt.

24. November 2010

Die Hamburgische Bürgerschaft nimmt mit großer Mehrheit einen Antrag der GAL an (Drucksache 19/7759), der Senat solle „gewährleisten, dass die Rindermarkthalle bis zum Umbau/zur Umnutzung durch sinnvolle, vertraglich abgesicherte befristete Zwischen-nutzungen weiter belebt wird. Hierbei sind die ansässigen Initiativen einzubinden“ und für die weitere Planung „eine breite Beteiligung aus dem Quartier sicherzustellen„.

Beides wird nicht stattfinden.

25. November 2010

Der Bezirk Mitte stellt im Ballsaal des FC St. Pauli den Siegerentwurf der Öffentlichkeit vor. Viele der rund 400 Besucher sind vehement gegen den Plan und kritisieren das bisherige Beteiligungsverfahren.

26./27. November 2010

Taz und Abendblatt berichten: Der Bezirk will das Konzept mit der Music Hall fallenlassen. Andy Grote, damals Bürgerschaftsabgeordneter der SPD, sagt im Abendblatt: „Es wird ein Beteiligungsprozess folgen.“ 
Es folgt keiner.

14. Dezember 2010

Die Wunschproduktion stellt auf einer Veranstaltung im Haus der Familie die ersten Ergebnisse der Umfrage aus rund 500 beantworteten Fragebögen der Öffentlichkeit vor. Bemerkenswert: Sehr viele Antwohner wünschen sich eine Art Park oder öffentlichen Garten auf dem Areal. Es wird geplant, einen Informationscontainer vor der Alten Rindermarkthalle aufzustellen. Die Umfrage soll weiter geführt werden. In der Folgezeit gehen noch einmal 150 ausgefüllte Fragebögen ein.

1. April 2011

Bei der Eröffnung des neuen Wochenmarkts vor der Rindermarkthalle bekommt Bezirksamtsleiter Markus Schreiber eine „Wunschrolle“ ausgehändigt. Auf einer Papierbahn von 20 Metern Länge sind sämtliche Wünsche der Anwohner_innen aus der Umfrage dokumentiert.

Mai 2011

Die Initiative Keimzelle eröffnet am Ölmühlenplatz im Karoviertel einen sozialen Garten für den Stadtteil, der auch als Planungsgarten für das Areal dient.

Juli/August 2011

Die ausgefüllten Fragebögen werden, zu einem dicken Buch gebunden, an rund 30 Orten in St. Pauli Nord, Schanzen- und Karoviertel öffentlich ausgelegt.

19. August 2011

Die Initiativen die leute:real, Wunschproduktion Alte Rindermarkthalle und Keimzelle, bauen fünf Würfel des Hamburger Künstlers Till F. E. Haupt als Planungspavillon vor der Rindermarkthalle auf, die nach wie vor leer steht. Die Sprinkenhof AG als Verwalterin des Grundstücks will die „Planungswürfel“ zunächst räumen lassen, spricht dann aber am 25.8.2011 eine Duldung aus. In den folgenden Monaten gibt es an den Würfeln Planungsworkshops, Filmabende und etliche Gespräche mit interessierten Anwohner_innen.

23. August 2011

In einem Telefonat mit einem Aktivisten beklagt sich Bezirksamtsleiter Markus Schreiber, dass die Planungen für die Rindermarkthalle nicht vorankämen. Er glaube nicht daran, dass sich auf dem Areal in den nächsten fünf Jahren etwas bewege.

2. September 2011

Bezirksamtsleiter Markus Schreiber und Sprinkenhof AG geben bekannt, sich mit Edeka Nord auf eine zehnjährige „Zwischennutzung“ geeinigt zu haben. Neben einem Edeka-Markt sollen ein Aldi, ein Budni und eine kleine Markthalle in das Erdgeschoss der Halle kommen.

Die Anwohner_innen erfahren Details über die Zwischennutzung nur aus den Medien: Das komplette Erdgeschoss soll als Einkaufsfläche für die drei Einzelhändler und die Markthalle dienen. Von den etwa 14.000 Quadratmetern Nutzfläche sollen nur 600 Quadratmeter auf „stadtteilnahe Nutzungen“ entfallen.

20. Mai 2012

Aus Protest gegen den Beginn der Sanierungsarbeiten und die Einzäunung des Areals werden 4 Planungswürfel in den „Leuchtturm der verhinderten Beteiligung“ verwandelt.

26. Mai 2012

Die Wunschproduktion wird mit einem Planungswürfel am Grünen Jäger/Neuen Pferdemarkt fortgesetzt.

Juli 2012

Die Sanierungsarbeiten in der Rindermarkthalle beginnen. Geschätzte Kosten: 11 Millionen Euro.

24. September 2012

Bezirk Mitte und Edeka Nord veranstalten 1 Jahr und 22 Tage (!) nach der Bekanntgabe der „Zwischennutzung“ die erste öffentliche Informationsveranstaltung. Auf der stellt sich die Projektentwicklungs-gesellschaft Maßmann & Co vor, die die weitere Planung der Halle übernimmt und eine Bürgerbeteiligung verspricht. Geschäftsführer Peter Maßmann versichert: „Einen 1:1-Mercado wird es auf keinen Fall geben.“

Die Wunschproduktion Alte Rindermarkthalle stellt auf der Veranstaltung die Pläne der Anwohner_innen vor. Statt einer Jury, die über die (inzwischen) 800 Quadratmeter Fläche für soziokulturelle Nutzungen entscheiden soll, fordert sie eine deutliche Verkleinerung der Einzelhandelsflächen und eine Anwohnerkommission, die alle Flächen außer der Nahversorgung plant.

6. Oktober 2012

Maßmann & Co führt einen Planungsworkshop mit Vertretern der Parteien und einigen Anwohnern durch, der sich nicht von den Planungsworkshops 2010 unterscheidet: Die Größen sämtlicher Nutzungsflächen sind bereits fest vorgegeben. Die Bürgerbeteiligung für die Planung zur Rindermarkthalle ist damit privatisiert worden.

21. November 2012

Bezirk Mitte und Maßmann & Co diskutieren mit Bewerbern, Vertretern der Parteien und einigen Anwohnern die Bildung einer Jury für die 800 Quadratmeter Fläche für „stadtteilnahe Nutzungen“. Das sind weniger als fünf Prozent der gesamten in der Halle zur Verfügung stehenden Nutzfläche.

17. Dezember 2012

Herwig Holst, einer der künftigen Betreiber des E-Centers in der Rindermarkthalle, erklärt, aus der Planung aussteigen zu wollen.

Dezember 2012/Januar 2013

In verschiedenen Hintergrund-Gesprächen mit Edeka Nord und Maßmann & Co geht es nicht voran. Beide bleiben bei dem Flächenplan, an dem nichts mehr zu machen sei.

Februar 2013

Die Wunschproduktion beteiligt sich nicht an der „Stadtteilkommission„, die über die Belegung der 800 qm soziokultureller Nutzungen entscheiden soll. Die Stadtteilkommission ist keine Anwohner-Kommission, sondern eine Kommission aus Vertreter_innen von Parteien und einigen Stadtteileinrichtungen. Auch zwei der drei Sanierungsbeiräte beteiligen sich aus Protest nicht, die Piraten-Partei steigt nach der ersten Runde aus.

Die Wunschproduktion beendet bis auf Weiteres die Anwohner-Planung.

Januar 2014

Torsten Hönisch von Maßmann & Co gibt im Ausschuss Wohnen & Stadtentwicklung des Bezirks Mitte bekannt, dass das immer wieder versprochene und angeblich eingeplante Urban Gardening nicht realisiert werden könne. Grund sind die ca. 300 notwendigen Parkplätze, die keine Fläche für einen Stadtteilgarten übrig lassen.

18. September 2014

Die Rindermarkthalle wird als Einkaufszentrum wieder eröffnet, im Wesentlichen so wie von Edeka Nord von Anfang an geplant.

Neu sind gegenüber der Nutzung bis 2010 nur eine Kita und 800 qm für „soziokulturelle“ Nutzungen. Die meisten Nutzungsideen der Anwohner_innen sind nicht berücksichtigt worden.

Schreibe einen Kommentar