FAQ Wunschproduktion

– Was ist eine Wunschproduktion?
– Wie funktioniert eine Wunschproduktion?
– Woher stammt das Konzept der Wunschproduktion? Hat es bereits irgendwo eine Wunschproduktion gegeben?
Woher kommt der Begriff „Wunschproduktion“? Ist das nicht nur ein lustiges Wort?


Was ist eine Wunschproduktion?

Die Kollektive Wunschproduktion ist ein Instrument für eine selbstbestimmte Stadtteilentwicklung. Anders als in herkömmlichen Planungsverfahren, in denen Anwohner_innen in begleitenden Workshops an Vorgaben durch Behörden entlangarbeiten, geht es in der Wunschproduktion darum, dass zunächst alle Anwohner_innen frei ihre Wünsche und Bedürfnisse artikulieren können. Aus diesen wird nach und nach ein gemeinsames Konzept entwickelt, das möglichst viele Interessen berücksichtigt. In diesem Prozess wird auch reflektiert, was Stadt und Leben in der Stadt bedeuten, wohin sie sich idealerweise entwickeln sollen.

Jede Wunschproduktion beginnt mit einem „Nein!“. (Anne Querrien)

Wie funktioniert eine Wunschproduktion?

Konkrete Instrumente einer Wunschproduktion können inspirierende Fragebögen, selbsternannte  Stadtteilversammlungen, bewegliche Action Kits, uferlose Modellbau-Workshops oder neuerfundene Spiele sein – Instrumente, die einen spielerischen oder reflexiven Umgang mit Stadt, Planung und politischen Machtverhältnissen erlauben.

Woher stammt das Konzept der Wunschproduktion? Hat es bereits irgendwo eine Wunschproduktion gegeben?

Das Konzept wurde ab 1995 von Anwohner_innen in St. Pauli Süd entwickelt. Mit dem Slogan „Die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Strasse gehen“ markierten sie ihren Anspruch auf Gestaltung der Stadt außerhalb des von staatlichen oder planerischen Autoritäten gesetzten Rahmens.

Statt des Baus von Appartmentblöcken zwischen Hafenstraße und Pinnasberg entstand dort in einem mehrjährigen Prozess, den sie Wunschproduktion nannten, das Konzept „Park Fiction“, das schließlich 2004 im gleichnamigen öffentlichen Park realisiert wurde. Seitdem bietet „Park Fiction“ einen öffentlichen Raum, der von vielen Menschen begeistert genutzt wird.

Das Archiv der Park-Fiction-Wunschproduktion, in dem alle Aktionen, Ideen und Entwürfe dokumentiert sind, befindet sich übrigens im Pudel Salon (Am St. Pauli Fischmarkt 27). Es ist jeden Sonntag von 16 bis 18 Uhr geöffnet.

Woher kommt der Begriff „Wunschproduktion“? Ist das nicht nur ein lustiges Wort?

Der Begriff „Wunschproduktion“ wurde in den 1960er und 1970er Jahren in der Folge der Kritischen Theorie  zunächst negativ verwendet, um die von der Kulturindustrie – Werbung, Fernsehen etc. – produzierten „falschen Wünsche“ von den (angeblich) „wahren Bedürfnissen“ abzugrenzen.

In den 1970er Jahren gaben dann die französichen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari dem Begriff eine neue Bedeutung: Sie wollten Freuds Beschreibung des Unbewussten, des Traums, des Imaginären überwinden.

Bei Freud war das Imaginäre eine „Bühne der Repräsentation“, die das Reale, seine Probleme und die unterdrückten Wünsche lediglich widerspiegelt. Deleuze und Guattari sehen im Gegensatz dazu das Unbewusste als Maschine, die Wünsche produziert.

Damit interpretieren sie, im Anschluss an Marx, das Imaginäre als Produktivkraft – und attackieren zugleich den in dominanten Teilen der Linken anzutreffenden Ausschluss des Subjektiven aus dem revolutionären Projekt, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzustürzen.

Der Begriff Wunschproduktion greift die Erfahrung der 68er-Revolte auf: die  gegenkulturellen Strategien, die Befreiung der Lüste, die Neuerfindung von Musik, kollektiven Ereignissen und Wohnformen. Diese bewegten sich  außerhalb einer linken Politik, die das menschliche Leben und die revolutionäre Veränderung auf eine – wenn auch gerechtere – Erfüllung von Bedürfnissen reduzieren wollte.

Verbunden mit dem Begriff der Wunschmaschine ist der Abschied von Autor und Werken, die ein passives Publikum voraussetzen. Klarerweise richten sich Wunschmaschinen also auch gegen autoritäre Planungsprozesse oder überschreiten einen von oben gesetzten Handlungsrahmen.

Im Prozess der Wunschproduktion machen Wünsche, Ideen, Subjektivitäten, Materialien, Häuser, politische Konstellationen „Maschine“ – sie verketten sich, schließen sich zusammen, machen sich gegenseitig schlauer, klauen Ideen, bauen um, schrauben an,  überspringen Genre- und Geschlechtergrenzen, tanzen auf dem Dach, infizieren sich, stechen mit Piratenschiffen in See.

Die Wunschmaschine behauptet, dass es ein „Außerhalb“ gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse nicht geben kann – nicht im Traum, nicht in der Kunst. Dass es keine Verwaltung von Wünschen, keine neutrale Wissenschaft, kein interesseloses Wohlgefallen geben kann. Selbstverständlich ist die Wunschmaschine der natürliche Feind einer bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, die nicht nur auf einer künstlichen Verknappung von Gütern fußt, sondern darüber hinaus eine Reduzierung und Regulierung des Glücks betreibt.

3 Kommentare zu FAQ Wunschproduktion

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  3. Syntje Krause sagt:

    Ich habe den Fragebogen bereits ausgefüllt – haltet mich gern über Neuigkeiten auf dem Laufenden. Liebe Grüße

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